IPM - Integrierte Schädlingskontrolle in Museen und Archiven

Text von Astrid Hammer, Wien (2012)


4.0 Schädlinge

nach oben4.1 Allgemeines und Hilfsmittel zur Bestimmung

Um Schädlinge vermeiden zu können bzw. ihnen entgegenzuwirken, sollte man etwas über ihre Lebensweise /-zyklus und bevorzugten Lebensräume wissen. Kann man die Tiere genau bestimmen, wird man erfahren, ob es sich um ins Museum verirrte Tiere oder um wirkliche Schädlinge des Museums oder Depots handelt. Erst bei einem Schädlingsbefall sind aufwändige Maßnahmen gerechtfertigt.

Unterstützung bei der Bestimmung bieten:

 

nach oben4.2 Einführung zu den wesentlichsten Schädlingen, d.h. Mikroorganismen, Insekten, Vögel, Nager, ihrer Lebensweise und des Schadens, den sie anrichten

4.2.1 Mikroorganismen:

Einführender Radiobeitrag von Prof. Katja Sterflinger/Wien: http://wissen.dradio.de/mikrobiologie-schimmel-bedroht-kunst.35.de.html?dram:article_id=12342

Zu den Mikroorganismen gehören Viren, Bakterien, Algen, Pilze und Protozoen. Die meisten von ihnen sind einzellig, d.h. eine Zelle führt alle Funktionen des Lebens aus. Andere, wie die Pilze sind mehrzellig, d.h. verschiedene Zellen sind für verschiedene Funktionen zuständig. Bakterien benötigen eine Luftfeuchtigkeit von über 90% r.F., d.h. ihr Auftreten beschränkt sich vor allem auf Katastrophen wie Überschwemmungen oder Schäden im Abwasserbereich. Faktoren wie Temperatur und pH-Wert beeinflussen ihr Wachstum, außerdem Nahrungsquellen wie Erde, totes oder infiziertes Material, stehendes Wasser, nährstoffreiche Flüssigkeiten und Abwasser.

Es sind besonders die Pilze (Schimmel und Fäulnis, d.h. Schwamm), die eine andauernde Gefahr für die Objekte darstellen, da ihre Sporen schon bei einer Luftfeuchtigkeit von 65% r.F. und der Anwesenheit von Nahrung wie organischem Schmutz und Staub auftreten können. Das sich entwickelnde Pilzmyzel und die Fruchtkörper besiedeln Papier, Leder, Textilien, Stroh, Holz, Gummi, Ei-Tempera und Wachse und schwächen bzw. zerstören dabei die Materialien. Die „aufbereiteten“ Materialien können zusätzlich Insektenbefall begünstigen. Die wieder produzierten Schimmelpilzsporen breiten sich durch die Luft aus und stellen ein hohes Gesundheitsrisiko dar. Das Ziel ist es, Schimmelpilzen vorzubeugen, indem die relative Feuchtigkeit reduziert und die Belüftung verbessert wird. Beim Entfernen von Schimmelpilzen hat die Vermeidung von gesundheitlichen Risiken oberstes Gebot, daher sind Schutzmaßnahmen unerlässlich. Einige Schimmelpilze sind besonders stark gesundheitsschädigend und erfordern strengste Maßnahmen; daher sollte besonders vor einer großflächigeren Entfernung eine Bestimmung durch den Fachmann / Mykologen erfolgen (z.B. www.micorgruppe.de).

 

Vorbereitung von schimmelpilzbefallenen Büchern für die Gefriertrocknung in der Preservation Unit der University of Glasgow Library.
Aus: http://universityofglasgowlibrary.wordpress.com

 

nach oben4.2.1.1 Links zu Schimmelpilzen (in Sammlungen):

 

nach oben4.2.2 Insekten

Glücklicherweise greift nur ein sehr kleiner Teil der mitteleuropäischen Insektenfauna das Kulturgut an. Jedoch hat dieser kleine Prozentsatz das Potenzial, zu einer ernsthaften Gefahr für Sammlungen zu werden und in kurzer Zeit unwiederbringlichen Schaden anzurichten.

 

4.2.2.1 Biologie der Schadinsekten

Sehr einladender Artikel, auch Übersicht über mitteleuropäische Schädlinge / Insekten: Biebl, Stephan: Holzwurm und Pelzkäfer: Wie erkenne ich einen Insektenbefall im Museum, 2010

 

4.2.2.2 Bevorzugter Lebensraum

Die meisten Insekten und ihre Larven mögen es warm, feucht und dunkel. Indem ihre Nahrungsgrundlage entzogen wird sowie Wärme, Feuchtigkeit und Rückzugsmöglichkeiten vermieden werden, kann ihre Entwicklung verhindert und Schaden abgewendet werden.

Eine Reihe von Artikeln zum Einfluss der Temperatur auf Insekten: Temperature sensitivity in insects and application in integrated pest management (1998) ed. Hallman, G.J., Denlinger, D.L., Boulder, Colo, Westview Press, ISBN: 08133899091998 http://cipm.ncsu.edu/IPMtext/

Bevorzugte Nahrung ist hauptsächlich organisches Material (Papier, Textilien, Holz, Leder usw.), welches geschwächt, verzehrt und anderweitig in Mitleidenschaft gezogen wird. Alternativ und häufig gleichzeitig können die Materialien durch Exkremente oder durch chemische Nebenprodukte beschädigt werden. Letztere können auch einige anorganische Materialien beschädigen – Metalle korrodieren und Mauerwerk verfällt.

 

nach oben4.2.2.3 Lebenszyklus

Insekten entwickeln sich über eine Reihe von Stadien. Ihre Eier werden auf bevorzugter Nahrung abgelegt und sind aufgrund ihrer geringen Größe kaum sichtbar. Unter günstigen Umweltbedingungen schlüpfen aus den Eiern die Larven. Die sich entwickelnden Larven ernähren sich und verursachen dadurch Schaden am Material. Infolge ihrer kleinen Größe und indem sie sich meist zurückziehen, werden sie erst bemerkt, wenn der durch den Fraß verursachte Schaden sichtbar ist. Die ausgewachsene Larve entwickelt sich zur Puppe, aus der das adulte Tier wird. Und dieser erwachsene Käfer oder die Motte fliegt nun los, um einen Partner zu finden und Eier zu legen. In diesem Stadium werden die Tiere leicht bemerkt und sind diejenigen, die in den Fallen aufgegriffen werden.

In gemäßigten Klimazonen sind die adulten Tiere normalerweise Anfang / Mitte Sommer aktiv, und die Eier werden zum Ende des Sommers gelegt. In kalten Wintern können Insekten und ihre Stadien über längere Zeit dormant (in Ruhe verharrend) sein und bei Temperaturanstieg ihre Tätigkeit fortsetzen. D.h. Schäden durch Larven treten besonders im Herbst und Frühjahr auf. In wärmeren Klimazonen und zentral geheizten Gebäuden kann die Entwicklung im Laufe des Jahres fortgesetzt werden, und Insekten, wie die Kleidermotte mit einem normalen Einjahreszyklus, können in diesem Zeitraum zwei oder sogar drei Zyklen durchlaufen, wenn Wärme und Nahrung vorhanden sind.

 

Ausgewählte Lebenszyklen

Lebenszyklus des Holzwurms:

Der Befall beginnt mit den adulten Käfern, die von außen in das Holz / Möbel hineinfliegen, und ihre Eier in Spalten von Holzoberflächen legen (siehe Abb. unten Lebenszyklus eines Holzwurms). Nach 4-5 Wochen, am Anfang des Sommers, schlüpfen die Larven aus den Eiern und bohren sich tunnelartig in das Holz, dies in einem Zeitraum von bis zu 12 Jahre. Dann verpuppen sie sich direkt unter der Holzoberfläche. Der erwachsene Käfer entweicht durch ein kleines Flugloch (die sogenannten Holzwurm- oder Anobienlöcher) am Anfang des Sommers. Die adulten Tiere legen häufig Eier in das Flugloch, bevor sie davonfliegen oder -krabbeln, um Eier an anderen Stellen abzulegen. Relativ wenige Eier werden gelegt, und obwohl Anobienbefall sich scheinbar relativ langsam entwickelt, kann beträchtlicher Schaden bereits entstehen, bevor er bemerkt wird.

Lebenszyklus eines Holzwurms
Aus: http://carronleesgspestmanagement.blogspot.de/2011/05/doubts-by-reader-woodborer-infestation.html

Akuter Holzwurm-, d.h. Anobienbefall, erkennbar an den runden, sehr sauberen Löchern und dem Herausrieseln von Holzmehl im unberührten Zustand.
Aus: http://www.museum-kassel.de

Ältere Ausfluglöcher des Holzwurms. Sie sind nicht mehr so scharf gerändert, Staub hat sich in ihnen abgesetzt, so dass sie dunkler wirken. Hier liegt offensichtlich kein akuter Schädlingsbefall vor - die Käfer sind schon vor einiger Zeit ausgeflogen.
Aus: http://www.museum-kassel.de

Lebenszyklus einer Motte:

Die erwachsenen Tiere legen ihre Eier im Sommer auf passenden Untergrund, und die ausgeschlüpften Larven fressen häufig innerhalb einer Gespinströhre am Material. Die Verpuppung erfolgt in einem festen seidenen Kokon. Die Länge des Lebenszyklus der Motte hängt von der Temperatur ab, kann bis zu einem Jahr für Samen- oder Kleistermotten oder nur acht bis neun Monate für die Kleidermotte betragen.

Lebensweise / -zyklus des Teppichkäfers:

Die erwachsenen Käfer fressen und vermehren sich im Freien auf Blütenstaub von Pflanzen, besonders von Spirea und Umbelliferae. Ins Haus kommen sie gegen Ende des Sommers. Hier legen sie ihre Eier auf einer geeigneten, ungestörten Nahrungsquelle ab, z.B. unter Teppichen, in Vogelnestern oder in Dielenritzen. Nach dem Schlüpfen fressen die Larven ungezügelt und häuten sich mehrere Male. Nach der Verpuppung erscheinen die erwachsenen Tiere am Anfang des Sommers. Obwohl die meisten Tiere ins Freie zurückkehren, um dort zu fressen und sich zu vermehren, kann selbst eine kleine Population in geschlossenen Vitrinen und Schubladen für die Aufrechterhaltung und Ausbreitung des Befalls sorgen.

 

nach oben4.2.2.4 Vorstellung der Schadinsekten

Die wesentlichen Schadinsekten können grob anhand ihrer bevorzugten Nahrung unterteilt werden. Diese ist einmal Zellulose als Grundbestandteil von Holz, Pflanzen und ihre Produkte wie Papier, Karton, Baumwolle und Leinen. Zelluloseschädlinge sind z.B. holzbohrende Insekten wie der Holzwurm und papierverdauende Schädlinge wie Silberfischchen und die Bücherlaus. Keratin ist das strukturelle Protein, das in Haar, Wolle, Pergament, Federn, Horn, Nagel und Huf zu finden ist. Diese Materialien sind besonders anfällig für einen Befall, wenn sie verschmutzt oder schon leicht befallen sind. Keratin ist die Hauptnahrungsquelle von Motten sowie Teppich- und Pelzkäferarten.

In der Tabelle werden ausgewählte wesentliche Schadinsekten in Sammlungen vorgestellt.

Ein schönes Überblicksposter hat English Heritage erstellt: Insect pests found in historic houses and museums
(Aus: http://www.sharemuseumseast.org.uk/shares/resource_71.pdf)

 

nach oben4.2.3 Vögel und Nager

Vögel und Nager verursachen Verschmutzungen oder Verfärbungen an Objekten, können an bestimmten Materialien fressen bzw. Nagespuren hinterlassen und ihre Nester sind häufig Brutstätten von Schadinsekten. So entwickeln sich die Larven des Gemeinen Speckkäfers oder Australischen Diebkäfers bevorzugt in alten Taubennestern.


nach oben4.3 Links: Informationen, Identifizierungsschlüssel und Steckbriefe zu Schädlingen

Schädlinge allgemein

Mikroorganismen


Insekten

Kurzer Überblick:

Bestimmungsschlüssel und „Steckbriefe“:

 

Nächstes Kapitel: 5.0 Monitoring


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